Bericht September 2019 bis April 2020


Das Team von KAYADj



Links aussen: Nelson N’fandy unser neuer Sekretär, in der hinteren Reihe von links: Ousmane Diassy Chef d’Atelier, Yousoupha Diémé 1. Lehrjahr, Oumar Mané Mitarbeiter, Ibrahima Coly Mitarbeiter, César Diatta 3. Lehrjahr, Daouda Sonko 2. Lehrjahr, Bourama Sonko 3. Lehrjahr, in der vorderen Reihe von links: Siméon Diémé 2. Lehrjahr und gleichzeitig Lehrer Allgemeinbildung, Marie Sagna 1. Lehrjahr, Amy Sonko Köchin, Malang Sambou (Lamine) Lehrmeister, Ansoumana Sané (Sosso) Wächter. Ibrahima Diédhiou, der im 4. Lehrjahr ist fehlt auf dem Bild.

Monsieur le Directeur wie man im Senegal zu übertreiben pflegt.

Kurt Koch, porträtiert von Stefanie Raetsch s-raetsch.de

Kurz vorab

Der grosse Wirbel um den kleinen Virus ist auch bei uns in der Casamance angekommen. Stand der Massnahmen vom April 2020: Die Moscheen, Kirchen und Schulen sind geschlossen und unsere Lehrlinge müssen zuhause bleiben. Es ist uns ein interregionales Reiseverbot auferlegt, von 18h bis 07h ist Ausgangssperre und wir sehen uns zunehmend vermummt. Die Aktivitäten am Fischerhafen von Kafountine sind eingeschränkt. Wo üblicherweise einige Tausend Menschen arbeiten, sind nur noch eine Handvoll anzutreffen. Die Ärmsten sind die ersten, die die massiven Auswirkungen dieser Massnahmen treffen, weil bei Ihnen die kleinen Einnahmen, die umgehend in Essbares umgewandelt werden, wegfallen.
Ein Hilfspaket von KAYADj soll die Not etwas lindern. Davon am Ende dieses Berichts mehr - zuerst die Informationen zu den Aktivitäten:


Während den Ferien

Während meines Schweiz-Aufenthalts vom Herbst 2019 hatten die Mitarbeitenden Oumar, Lamine, Ousmane und Siméon die ganze Werkstatt ausgeräumt, damit die Maurer mit einem Betonüberzug den holprigen Werkstattboden ebnen konnten.


Werkstatteinrichtung

Wir nutzten die Gelegenheit, die Einrichtung zu überdenken und entschieden uns für einige Anpassungen für unsere Produktion. Das Sperrholzlager verdoppelten wir in seiner Kapazität und verlegten es in den gedeckten Zwischenraum zwischen dem Haupt- und dem Hobelatelier. Auch die Späneabsaug-Anlage ist nun ausgelagert und steht in einem eigens dafür gebauten Anbau. Mit zweckentfremdeten Abwasserrohren und selbst gebauten Schiebern sind nun alle Maschinen daran angeschlossen. Auch einige kleinere, stationäre Maschinen, die wir von der Baugewerblichen Berufsschule Zürich BBZ geschenkt bekamen, sind nun installiert, wie auch die Kettenstemm-Maschine des Jugendheimes Schenkung Dapples, wo ich vor 20 Jahren die Schreinerei geleitet hatte. Durch die Erweiterungen mussten wir auch den Stromverteiler-Kasten neu aufbauen.

Das neue Plattenlager zwischen Hobel- und Hauptatelier Anbau Rohrmontage im Atelier Absauganlage im kleinen
Kettenstemmer Der neue Stromverteiler Unsere selbst gebauten Schieber für jede Maschine
 
Zwischen dem Ausstellungsraum und dem Haupteingang haben wir mit einer alten Containerwand den offenen Sitzplatz gegen die Strasse abgeschirmt  


Für den Zeichnungsunterricht wurde unser Klassenzimmer zu klein. So haben wir die Wand zwischen dem Gäste- und dem Klassenzimmer demontiert und die beiden Zimmer zusammengelegt.

Lamine hilft auch bei den Maurerarbeiten mit Das neue Klassenzimmer, keineswegs zu gross


Neu üben wir uns auch im Maschinenbau. Aus verschiedenen alten Geräten und einer Hand voll Ideen entstand zwischen Weihnacht und Neujahr unsere dringend notwendige Schärfmaschine für Kreissägeblätter, eine Freude!

Eine Schärfmaschine für Kreissägeblätter entsteht

 

Bis anhin benutzten wir zum Ablängen der Klotzbretter portable Handkreissägen, doch der enorme Verschleiss an diesen Kleinmaschinen hat uns bewogen, die seit 2012 eingelagerte Kappsäge für Klotzbretter zu installieren. Ibrahima Coly ist nun dabei diese zu montieren und einen Rollentisch dafür zu bauen. Vor der nächsten Regenzeit muss dafür noch ein Vordach montiert werden.

Montage der Kappsäge an der Aussenwand des Schulgebäudes


Erste Lehrtochter

Mit zwei neuen Lehrlingen stiegen wir ins neue Ausbildungsjahr. Marie Agnes Margot Sagna, unsere erste Lehrtochter war zuvor in der internen Küche angestellt. Sie sah keine Möglichkeit, ihren Traum einer Schreinerausbildung zu verwirklichen, denn sie unterstützte mit ihrem Lohn als Küchenangestellte ihre Familie. Dank der Unterstützung von Adriana Stadler, Künstlerin aus Bern, die unter dem Motto «Frauen fördern Frauen» die Lohndifferenz übernimmt, kann Marie nun frei wählen und kniet sich als Vorkämpferin für die Berufsbildung der Frauen in die Aufgaben der Berufslehre.

Yousoupha Diémé Marie ist vielseitig interessiert und hilft beim Verdrahten des Elektroverteilers. Sie lässt sich gerne auch mal ziehen. Ibrahima Diédhiou, ein Hoffnungsträger für unsere zukünftige Berufsbildung

 

Yousoupha Diémé ist ein überlegter junger Mann aus einer Familie, die in Dakar einen kleinen Schreinereibetrieb führt. Er ist über die Empfehlung vom privaten Ausbildungszentrum Satan Diabang in Kafountine zu uns gekommen. Auch Yousoupha weiss was er will und fokussiert sich eindrücklich auf seine Ausbildung. Mit den beiden Neuen, sind nun insgesamt 7 Lehrlinge in Ausbildung. Im 4. und letzten Lehrjahr ist einzig Ibrahime Diédhiou (nicht auf dem Titelbild). Er ist technisch sehr begabt und stark im Zeichnen, auch menschlich hat er sich vom «ça vas em peut», was im Senegal «es geht schlecht» bedeutet, zum «ça vas em peut cool» entwickelt. Wenn er wirklich will, könnte der junge Mann eines Tages ein wertvoller Lehrmeister werden. Gegenwärtig zeichnet er im home office eine Anleitung für den Zusammenbau des Serie-Schrankes. Er weiss noch nicht, dass ich für Ihn bei Jean Claude, einem sehr freundlichen pensionierten Händler in Kafountine eine Arbeit für rund ein Jahr zu vermitteln gedenke. Wir würden Ihm das nötige Werkzeug zur Verfügung stellen, damit er vor Ort Bienenkästen herstellen könnte. Vielleicht gewinnen wir ihn, nach einem Erfahrungsjahr in Selbstverantwortung als Lehrmeister.

Produktion

Bei unserer Schrankproduktion zeigt sich einmal mehr, wie schwierig es ist, einen Arbeitsplatz so einzurichten, dass die Arbeiten leicht, rasch, sauber und sicher ausgeführt werden können. Wir Europäer, die in einer industrialisierten Welt aufgewachsen sind können uns nicht vorstellen, dass es schwierig sein kann, einen Gegenstand, der uns den Weg versperrt so zu verschieben, dass er danach nicht drei anderen den im Wege steht. Es ist nicht fehlendes Interesse oder die Leichtigkeit des Seins - nein, es war nie ein Thema und muss von Grund auf gelernt und trainiert werden. Die Freude an einem tollen Resultat, das durch einen flüssigen Arbeitsablauf entsteht, hat jeder in unserem Team schon erfahren. Nun wollen wir diese Freude in Form von erhöhter Konzentration in die Gegenwart fischen.

Unsere ersten 50 Schränke sind fertig gestellt und verkauft worden. Allerdings ist die Produktion noch längst nicht kostendeckend. Das liegt auch daran, dass wir neben der Produktion auch eine Berufsschule betreiben, in der Werkstatt Lehrlinge aus- und Mitarbeiter weiterbilden und immer auch die Einrichtungen weiter entwickeln. Doch um langfristig wirtschaftlich überleben zu können, brauchen wir weitere griffige Massnahmen, um unsere Produktion zu rationalisieren und den Verkauf zu fördern.

Produzierte Schränke Simeon bearbeitet Türen Rahmenteile für die Seitenelemente

Interne Weiterbildung

Mit Lamine, unserem Lehrmeister, der fachlich schon recht stark ist und Ousmane dem Werkstattchef habe ich für die Schrankproduktion einen neuen Schablonensatz gebaut. Für jeden Arbeitsschritt eine eigene Schablone, diesmal in Aluminium und Vollkernplatten, da die Holzwerkstoffe durch ihre feuchteabhängigen Massschwankungen bei unseren klimatischen Verhältnissen zu ungenau sind.

Lamine bearbeitet die Seitenrahmen mit Hilfe einer Schablone

 

Um für jeden Geschmack einen Schrank anbieten zu können, hat uns Stefanie Raetsch, eine befreundete Künstlerin aus Kafountine, bei der Farbgebung beraten. Wir nehmen nun 5 verschiedene Holz- und Farbkombinationen in die Produktion auf.

Beratung mit Stefanie  

 

Für eine rationelle Produktion ist eine detaillierte Produktionsplanung und Kontrolle unumgänglich. Im Zeichnungskurs erstellten wir dafür als erstes Einzelteilzeichnungen, das heisst für jedes Element, wie Seite, Türe, usw. eine eigene technische Zeichnung. Dann definierten wir den genauen Ablauf der einzelnen Arbeitsschritte in der richtigen Reihenfolge und bestimmten, welche Schritte kombiniert werden können, damit ein Werkstück nicht öfter als notwendig in die Hand genommen werden muss. Im Kontrollblatt, das jedes Element durch die Produktion begleitet, wird jeder Arbeitsschritt in Masshaltigkeit, Qualität und Menge geprüft und vom verantwortlichen Mitarbeiter unterschrieben. So minimieren wir Ausschuss, denn das Material, das wir bearbeiten, ist im Verhältnis zu den Löhnen sehr teuer.

In einer Serie von 20 Schränken habe ich mit Lamine und Ousmane nun jeden der 121 Arbeitsschritte eingeübt. Somit sollten sie gerüstet sein, nach dem Virus die sieben Lehrlinge sicher und gelassen durch die Schrankproduktion begleiten zu können.

Marie übt manuelles sägen Zeichnungskurs Einübung der Arbeitsschritte Eintrag im Kontrollblatt

 

Bei der aktuellen Serie hat sich heraus gestellt, dass der Engpass in der Produktion bei der Trocknungszeit der Farbe liegt. Da es bei uns oft sehr windig ist und Staub in der Luft liegt, brauchen wir einen wesentlich grösseren Trocknungsraum. In der kommenden Regenzeit ist eine entsprechende Erweiterung geplant.

Für Oumar, der darauf brennt aus den Resten der Schrankproduktion verleimte Patchwork-Massivholzplatten herzustellen, haben wir eine Verleim-Presse konstruiert. Unser Ziel ist es, dass er die Patchworkplatten selbständig herstellen und auch Lehrlinge zur Hilfe beiziehen kann. Auch dafür braucht es noch Schulung und Einübung. In einem kollektiv geführten Betrieb ist es auch wichtig, dass die Beteiligten mindestens eine Idee von der Finanzbuchhaltung haben. So nutze ich die Zeit, mit Lamine, Ousmane, Simeon und Nelson Schulung zu betreiben. Zum Üben bauen wir für jeden mit einem individuellen Kontenplan eine persönliche doppelte Buchhaltung auf. Mit Lamine, Ousmane und Ibrahima Coly übe ich Maschinenwerkzeuge zu schärfen, was einiges an Geometrieverständnis abverlangt. Nebenbei ist auch Spritztechnik inkl. Unterhalt der Anlage ein Thema, dies mit Simeon, Lamine und Cesar. Es müssen nicht alle alles können, doch jeder sollte ersetzbar sein.

Training im Spritzraum mit Lamine und Siméon Schärfen mit Coly und Lamine Oumars Verleimpresse ist bereit


Aufforstung und Garten

In Bantankiling, 6 km südlich vom Atelier, wo ich seit Sommer 2019 wohne, bereiten wir mit dem KAYADj Personal ein Aufforst- und Gartenprojekt vor. Einerseits wollen wir unser Vorhaben, für jeden in der Schreinerei genutzten Baum drei neue zu pflanzen einlösen und andererseits uns mit Früchten und Gemüsen mindestens teilweise selbst versorgen, denn mit leerem Magen lässt sich weder produzieren, noch eine Berufsbildung realisieren. Schon letztes Jahr hatten wir die Grundstücke eingezäunt und nun stellen wir die Wasserversorgung sicher. Die Mitarbeiter Siméon Diémé und Oumar Mané planen die Bepflanzung und kümmern sich um die Administration mit den Behörden für dieses Projekt. Abdou Diatta, ein gut organisierter Maurer aus unserem Nachbardorf, baut mit seiner Firma «Truelle d’or Abéné construction» das Wasserschloss. Auch für ihn eine gute Gelegenheit, hier am Ende der Piste in Bantankiling unbehindert von den Corona-Massnahmen mit seiner Maurer-Gruppe arbeiten zu können. Eine zweite Handwerkergruppe mit El Hadji Diatta, die aus der Nähe von Cap Skiring kommt, haben wir für die Bohrung des Wasserlochs engagiert, 25m tief mit einem Handbohrer - Hochleistungssport.


Gästehaus

Wir nutzen die Gelegenheit mit der tollen Maurergruppe, als weibliches Gegenüber zum
eckigen Wohnhaus, ein rundes Gästehaus mit drei Zimmern zu bauen. Ein Haus, das um einen alten geschützten Vene-Baum gebaut wird. Natürlich um Gäste willkommen zu heissen und Freiwillige, die sich in unserem facettenreichen Projekt engagieren wollen. Frauen und Männer, insbesondere auch erfahrene Schreiner mit zwei Füssen auf dem Boden, die sich angesprochen fühlen - herzlich willkommen!

Abdou mit seiner Maurer-Gruppe Die sportliche Bohrer-Gruppe vor dem entstehenden Wasserturm Simeon und Oumar die sich um den Garten kümmern Der Vene-Baum im zukünftigen Gästehaus

Nothilfe

Für diejenigen, die durch die Massnahmen gegen das Coronavirus am härtesten getroffen sind, organisieren wir von KAYADj im Rahmen unserer Möglichkeiten eine Nothilfe. Da unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorwiegend hier aufgewachsen sind und die Familien der Gegend kennen, ist es uns möglich die tatsächlich Bedürftigsten auszuwählen, obwohl rund 50% der Familien von Armut betroffen sind. Es sind vorwiegend Haushalte ohne, oder nur mit einem Elternteil oder Kranke, die von der Hand in den Mund leben. Ausgewählt sind 58 Familien in unseren nächsten Dörfern Abéné, Colomba, Diannah und Albadar. Unser Hilfspaket besteht aus 50 Kg Reis, 5 Liter Öl und 10 Kg Zucker für jede der Familien. Diese gemeinsame Aktion will sorgfältig besprochen sein, sie fördert uns über den eigenen Clan hinaus zu denken und schweisst uns als Gruppe enger zusammen. Eindrücklich zeigt sich auch, welche Behördenmitglieder unsere Aktion unterstützen, welche nur davon zu profitieren- und welche unsere Nothilfe gar zu behindern suchen. Unser Sous Prèfect hat uns abgeraten diese Aktion zu starten, weil wir den Neid in der Bevölkerung fördern würden und das Risiko in Kauf nehmen, dass es Familien gibt, die zwei Hilfspakete erhalten könnten, eines vom Staat und eines von uns. Tatsächlich wird von einer staatlichen Hilfsaktion gesprochen und die Dorfchef’s sind aufgefordert, Listen von über 60-jährigen zu erstellen - die Kriterien sind uns bekannt. Ich bin stolz auf unser Team, das unbeirrt und lösungsorientiert handelt. Den Nebeneffekt in politischer Bildung nehmen wir gerne mit.


Schlussgedanke

Ich denke, wir sind in einer kollektiven Metamorphose. Das Alte hat sich noch nicht verabschiedet und das Neue noch nicht gezeigt. Wenn wir uns nicht von der Angst zerfressen lassen, was nur für Wenige von Interesse sein kann, scheint mir das eine einzigartige Gelegenheit zu sein, achtsam und beweglich die Zukunft mit zu gestalten. Eine freundlichere Zukunft, die für den «Virus» Mensch die Lebensbedingungen erhält, Gier und Neid als leere Hüllen zurücklässt und sich der Gemeinschaft, der Humanität und der Schönheit widmet.

Danke für die Aufmerksamkeit, mit den besten Grüssen aus der Casamance

Albadar, den 24. April 2020
Kurt Koch